– art space – egocide policy – very erotic pervert –


 

- to come -

 

season 2: episode 16-12 (start -> spring/summer 2012)


 

- done -

 

season 1: episode 52-17 (fall 2009 - summer 2011)


limbus europae statement 3

Kein Werk!


 

Die Intervention

Interventionen finden nicht zufällig statt. Interventionen haben Motivationen: Geistige Impulse. Ein stürzender Dachziegel interveniert nicht. Interventionen sind bewusste Eingriffe in ein Geschehen. Interventionen finden ungefragt statt, sie sind Eingriffe, die aktiv die Realität verändern. Die Umsetzung einer Intervention, ihr Erscheinen, ist dabei von ihrem Grunde, der intendierten Wirkung, zu scheiden. Der Begriff Intervention beschreibt Gegebenheiten, welche rein immaterieller Natur sind, die ohne Menschen nicht existieren würden. Der Vorgang kann nur als Anthropogener gänzlich verstanden werden: Der Eine, der um den Anderen weiß und dessen Welt verändert. Intervention setzt zwei oder mehr Akteure voraus: Sie bildet eine Minimalgesellschaft. Intervention als Kunst ist also nicht die Form die sie annimmt. Intervention generiert kein Werk, sondern ein Ereignis: Sie geht darin völlig auf. Ein dabei entstehendes Artefakt ist nicht symptomatisch - es ist die abgestreifte Larve eines Schmetterlings. Wichtiger als diese Bestimmung ist die Frage nach dem Warum.

 

Der Einbruch des Anderen

Wird Kunst als 'Bienenstaat', als System gelesen, so hat Intervention dahinein zwei Fluchtlinien. Einerseits die technische Komponente, den Betrieb mit Werken und Markt, andererseits das Selbstverständnis der Akteure: Intervention als etwas Befreiendes, bestehende Verhältnisse Aufreißendes, neue Verhältnisse Schaffendes, zur Auseinandersetzung Aufforderndes, Gewissheiten Aufbrechendes: Hamlet zur 'Hamletmaschine' Machendes und den weißen Raum Verlassendes. Wir meiden das Ungewisse, tun eher das Gewisse und folgen dieser Gewissheit über Ablauf und Folgen eines Vorganges. Diese Beschränkung hindert uns daran Neues zu tun oder zumindest Altes neu zu betrachten. Intervention schafft Ungewissheit, sie ist nicht berechenbar, sie ist fremde Aktion: Der Einbruch des Anderen. Intervention schafft durch die von ihr ausgehende Ungewissheit Freiheit. Intervention schafft in ihrer Nicht-Zeit, im Einbruch des Anderen in die Gewissheit, Möglichkeit zur Reaktion. Klingt wie eine Kritik an den Künstlern als zu artige Honigbienen.

 

Es ist nichts zu verlieren

Nichts gegen Künstler. Es geht gegen das Kunstwerk als ultimativen Fetisch, gegen die Verquickung von Kunstwerk und Kunstmarkt, gegen die Reduktion von Kunst auf Werk, gegen den Geniebegriff der die Preise absichert - denn Genie ist man oder eben nicht, aber kann es nicht werden: Genie ist eine Zuschreibung. Nichts gegen den Künstler: Nur etwas gegen Werke, die er nicht verlieren will. Intervention verlagert den Blickpunkt des Geschehens. Weg vom Blick auf Kunst. Weg vom Blick auf das Werk. Weg vom 'obskurem Objekt der Begierde', weg von der durchgeistigten Betrachtung, weg von der stillen Andacht. Hin zum Prozess, Geschehen, Handeln. Gegenüber der 'Gesellschaft des Spektakels' erscheint das Werk als Ereignis. Der Künstler als Interventionist hat nichts zu verlieren: Der Gegensatz wird von Lieferanten der Kunstwerke und Akteuren der Kunst, von Industrie und Haltung gebildet. Es ist wichtig dies im Auge zu behalten: Die Werklosigkeit ist nicht eigens intendiert. Es geht nicht um Dematerialisation, es geht nicht darum Botschaften an Empfänger zu transportieren, wie 'höhere Wesen befahlen obere Ecke schwarz bemalen', es geht nicht darum Kunst schnöde aufzulösen, es geht nicht um die große Geste der Verweigerung. Es geht ganz klar um das Problem: Klassische Kunst.

 

Das Genie ist tot

Mit klassischer Kunst wird nicht klassische Kunst im klassischen Sinne, als Epoche der Klassik oder als Kanon referiert - sondern klassisch strukturierte Kunst: Kunst nach der althergebrachten Struktur Künstler - Kunstwerk - Konsument, die durch ihre Ähnlichkeit zur ökonomischen Struktur Produzent - Produkt - Konsument auch die am Kunstmarkt übliche ist. Teil dieser Struktur ist der Betrachter auf seinem Sockel. Vor dem Werk auf dem Sockel des Genies. Dagegen steht der intervenierende Ausruf: 'Der fahrende Rennwagen ist schöner als die Nike von Samothrake!' Interventionen in der klassisch strukturierten Kunst richten sich weiterhin gegen die Unterordnung der Kunst unter die Ökonomie, welche beständig die Eigenständigkeit und Ursprünglichkeit der Kunst bedroht, indem sie die Kunst in Verwertungsketten integriert und ihr damit einzig den Status einer weiteren wirtschaftlichen Struktur zugesteht. Kunst verkommt zum Kunsthandwerk, zum Dienstleister, zum Zulieferer. Die klassische Struktur der Kunst kann als Mimikry benutzt werden, um Zugang zum Markt zu erlangen, mit dem Ziel, in dessen Selbstverständnis zu intervenieren, etwa in dem Kunstwerke verkauft werden, die von beschränkter Haltbarkeit sind, wie nicht ausfixierte Fotos, oder in dem Banalitäten zu Kunst umdeklariert werden, wie Staubsauger zu Readymades, oder durch reine Konzepte, die keine materielle Qualität besitzen, wie der Ausspruch: 'Dies ist ein Portrait von Iris Clert, wenn ich das so sage.' Damit jedoch ist der Betrachter noch nicht abgeschafft, nur die geschlossenen Kasten Werk und Schöpfer. Dafür aber ist der klassisch strukturierten Kunst über die Intervention ein neues Modell beigestellt, dass der Bidirektionalität, dass des Endes fixierter Sender-Empfänger-Einseitigkeit: Die mutuelle Kunst.

 

Irritierte Gewissheit

Mutuelle Kunst bedient sich mitunter ebenfalls der Mimikry um zu intervenieren. Hierbei tarnt sie sich als Nichtkunst um in den normalen Alltag abzutauchen und dort ihre intervenierende Wirkung zu entfalten. Diese Mimikry steht an einer Grenze. Wenn die andere Seite nicht weiß, dass sie gerade in einen Kunstprozess eingebunden ist und die Dokumentation des Vorganges für weitere Betrachter im Vordergrund steht, verbleibt sie an der Schwelle zur mutuellen Kunst. Die alte Rollenverteilung von Produzent, Werk und Kunstauditorium bleibt erhalten. Steht dem sachgemäßen Agieren der unwissentlich Involvierten das sachgemäße Agieren simulierende Verhalten des Künstlers aber als zentrales Arbeitsmoment gegenüber, um für Irritationen zu sorgen, um den Involvierten die abgestumpfte Gewissheit über den Lauf der Dinge zu nehmen, um neue Aspekte zu erhellen und somit eine andere Betrachtungsweise der Realität zu möglichen, ist die Grenze zur mutuellen Kunst überschritten. Mutuelle Kunst kennt Betrachter nicht, weil es nichts zu betrachten gibt. Betrachtung steht orthogonal zur mutuellen Kunst. Es gibt nur Beteiligte. Wer vom Flashmob irritiert ist, ist Teil der Geschichte. Für alle Anderen ist nichts geschehen. Unbeteiligte, also die alten Betrachter, befinden sich nicht im künstlerischen Prozess und erfahren so die gerade stattfindende Kunst nicht. Dem zeitlosen Nimbus des Werkes steht die einmalige Wirkung der Intervention entgegen. In einem strengeren Sinne gibt es keine Unbeteiligten die Beteiligten gegenüberstehen, denn sie sind in verschiedenen Welten. Die Intervention spaltet die Realität auf: In Handlungsoptionen einerseits und eine Parallelwelt andererseits. Im Rahmen der mutuellen Kunst trennen sich temporär die Wahrnehmungsräume.

 

Mutuelle Kunst

Nicht die traditionelle heilige Dreifaltigkeit, bestehend aus Künstler, Kunstwerk und Konsument, steht im Mittelpunkt, sondern: Der Vorgang der Kunstausübung. Das Schaffen von Kunst impliziert ein Werk als Ziel - das Stattfinden von Kunst dagegen sieht im Austausch mit Anderen den zentralen Aspekt. Eben dadurch, dass nicht ein Kunstwerk und dessen Marktwert den Kern dieses Kunstbegriffs ausmachen, ist mutuelle Kunst eine Intervention gegen die Praxis des Kunstmarktes und die Bewertungsmechanismen für Kunst, Künstler, Kunstinteressierte. Eine ihrer Methoden ist die Intervention, die Interaktionen als Kette von Mikrointerventionen liest und in diese über das Mittel der Irritation eingreift. Sie ist also ein Prozess zwischen Akteuren, der durch einen geeigneten Handlungsraum ermöglicht wird. Durch die Aneignung des Raumes wird die Grenze von Künstler und Nutzer aufgelöst. Das Genie ist säkularisiert und serviert abgefahrene Räume. Der Betrachter ist aus seiner Starre befreit und agiert. Die durch mutuelle Kunst entstehenden Artefakte sind nicht wesentlich und nicht bestimmend für das Ziel der mutuellen Kunst. Und noch weniger ihr Wesen. Mutuelle Kunst verschließt sich so dem Verwertungsmechanismus des Marktes, holt den Künstler von seinem Sockel. Das Genie ist abgeschafft, den Künstler hebt vom Nichtkünstler lediglich die Tat ab. Der Betrachter ist abgeschafft. Es gibt nun Beteiligte und Außenstehende der stattfindenden Kunst: Was der Außenstehende wahrnimmt entspricht in etwa dem Schmatzen eines Kusses - ohne selbst zu küssen.


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gehört zu: Erste Erwägungen zum Thema: Mutuelle Kunst
gehört zu: Der Limbus Europae Art Space Reader